Nun folgt ein kleiner Ausflug nach Schottland ❤ Ein kleiner Ausflug an manche Orte, die auch im Buch beschrieben werden! Die Bilder hat Emily selbst in Schottland gemacht, sie war ja erst vor kurzem wieder da. Danke, dass du uns das zeigst! Unter den Bildern findet ihr die entsprechende Buchstelle (Zitate)

 

 

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Bild: Urquhart Castle

Inmitten der riesigen Ruine des Urquhart Castle konnte ich mir kaum vorstellen, dass hier tatsächlich Menschen gelebt und ihren Alltag verbracht hatten. Ich sah grobschlächtige wikingerähnliche Männer vor mir, wie sie, ihre Schwerter schwingend, aufeinander einschlugen. Menschen einer anderen Welt. Einer Welt vor siebenhundert Jahren. Ich erklomm den Turm und genoss den atemberaubenden Ausblick auf Loch Ness. Sofort verstand ich, warum dieses Gewässer den Menschen solche Rätsel aufgab. Das Wasser schien beinahe schwarz zu sein, und seine Oberfläche war unruhig und trüb. Kahle Äste trieben in der Strömung und ragten wie knochige Arme aus den geheimen Tiefen hervor.

 

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Bild: Glenfinnan Monument

Das Schweigen auf der Turmspitze  zog sich in  die Länge, doch  ich  musste erst  meine Fassung wiedererlangen, ehe ich an ein Gespräch auch nur zu denken wagte.  Schließlich drehte ich mich leicht zu ihm hin und deutete auf das vor uns liegende Loch Shiel. Der Himmel spiegelte sich in der glatten Oberfläche des Wassers, und die Berge, die es umgaben, schienen die grauen Wächter dieses unbeschreiblichen Naturschauspieles zu sein. „Wunderschön, oder?“, sprach ich ihn mit schwacher Stimme an. Er blickte an mir vorbei und holte tief Luft. Ohne mich anzusehen, antwortete er mit gepresster Stimme: „Ja, wunderschön.“ Sein intensiver, unergründlicher Blick nahm mich bei diesen Worten gefangen. Seine Stimme berührte mein Innerstes. Es brachte etwas in mir zum Klingen, und ich wollte am liebsten fragen, ob er die Aussicht meinte oder etwas anderes. Doch ich hatte Angst, er würde mich auslachen. Natürlich würde er mich auslachen! Mich als wunderschön zu bezeichnen, würde ja auch wirklich niemandem einfallen. Trotzdem wurde mir beim Klang seiner Worte heiß. Wie Musik, dachte ich. Seine Stimme klang nach den bitteren Tränen des Blues oder der tragischen Melancholie der Songs meiner Lieblingsband Nirvana. Er hatte etwas gesagt und schien nun auf eine Antwort von mir zu warten, doch ich war noch so aufgewühlt von seinen ersten Worten, dass ich nicht richtig zugehört hatte. „Was? Sorry, ich, … ähm, ich habe dich nicht verstanden“, stammelte ich herum. „Payton – habe ich gesagt. Ich bin Payton – und du?“

 

 

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Bild: Eilean Donan Castle

„Weißt du, wo wir sind?“, wollte er von mir wissen. Ich schüttelte den Kopf und schlug die Tür hinter mir zu. „Nein, aber es ist super!“ „Du hast wohl noch nie den Film Highlander gesehen, oder?“ „Nein, ich bin mehr so der Indiana-Jones-Fan.“ „Ach so“, lachte er, „na, jedenfalls ist das hier das Eilean Donnan Castle, und hier wurde unter anderem Highlander gedreht.“

Ich blieb stehen und schaute mich um. Es war überwältigend. Eine schönere Lage konnte man sich für seine Burg wohl kaum aussuchen. „Los, gehen wir rein“, rief ich und holte meine Kamera aus der Tasche. Dieser Tag musste verewigt werden. Payton bezahlte den Eintritt und widersprach heftig, als ich ihm das Geld zurückgeben wollte. „Hör zu, ich habe dich sozusagen entführt. Niemand weiß, wo du bist, und damit bist du mir hilflos ausgeliefert. Du solltest dich also lieber fügen und mir gehorchen.“ „Gehorchen? Du spinnst doch! Aber gut, dafür zahle ich dann das Essen, okay?“ Lachend griff ich nach seinem Arm. Ich zog ihn weiter, doch er löste gleich meine Hand von seinem Arm. Wieder einmal war ich echt irritiert. Zwischen uns war alles super. So einfach. Ich hatte mich noch nie so wohlgefühlt, und ich wusste, dass es ihm ebenso gefiel. Doch trotzdem hielt er eisern Abstand und berührte mich von sich aus nie. Und, wenn ich ihn dann zufällig oder unbewusst berührte, zuckte er zurück. Was sollte das?

 

 

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Bild: Glenfinnan Viadukt

Wir waren inzwischen schon so weit gegangen, dass wir die Straße und auch den Parkplatz des Shops weithinter uns gelassen hatten. Das Viadukt spannte sich über das Tal, und Payton führte uns direkt unter dem beeindruckenden Bauwerk hindurch. Ein steiniger Bachlauf folgte dem Weg, und das leise Gurgeln und Rauschen des kristallklaren Wassers war wie Musik in meinen Ohren. Schmetterlinge flatterten in bunten Wolken um die gelb blühenden Uferpflanzen. „Und über diese Brücke fährt also Harry Potter, wenn er nach Hogwarts muss?“ „Ja, Schottland bietet den großen Hollywoodbossen so manche beeindruckende Kulisse.“ „Es ist ja auch unglaublich schön hier. Ich glaube, ich könnte für immer hier bleiben.“ „Für immer? Weißt du eigentlich, wie lange das ist?“ Anscheinend sagte ich ständig etwas Falsches, denn ein dunkler Schatten legte sich über Paytons Gesicht, und er ließ mich auf dem befestigten Weg stehen. Er ging zwei Schritte in das Flussbett und setzte sich auf einen der großen Felsen, um seine Turnschuhe auszuziehen. Barfuß watete er in die Mitte des flachen Baches.

 

 

 

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Bild: Friedhof

„Sieh dich um? Ist das ein Ort für Legenden, oder nicht?“ „Schon, aber woher willst du wissen, ob es hier irgendwo tatsächlich einen Riss in der Zeit gibt? Oder eben diesen Weg durch alle Zeit, wie in der Legende stand?“ „Ich weiß es ja nicht, aber der Ort könnte passen. Wir sind am Fuße der fünf Schwestern, also in ihrem Schatten, was auch so viel wie Schutz bedeuten könnte. Hier vor uns, am Loch Duich, müssen die Mädchen in ihr Unheil gelaufen sein. Und siehst du dort oben auf dem Hügel den großen Gedenkstein? Man nennt ihn den Druidenvater.“ Ich musste schlucken. Konnte das alles wirklich Zufall sein?

 

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Bild: Highlands

Der Tag war angenehm warm für Ende September, und da mich mein Weg am Ufer des in der Sonne funkelnden  Gewässers  entlangführte,  kam  ich  nicht  umhin,  trotz  meiner  Sorgen  und  Ängste  die Einzigartigkeit des Augenblicks zu genießen. Nur Schottland vermochte es, mich mit seinem Anblick so zu verzaubern, dass ich beinahe alles vergessen konnte. Als zählte nichts weiter als diese raue Schönheit, als die Klarheit des Wassers und die Magie dieser besonderen Berge. Tiefer Frieden überkam mich, als ich dem Schrei eines Vogels lauschte, der mühelos seine weiten Kreise über mir drehte.

Das Schicksal spielte mit mir sein makabres Spiel – aber es schenkte mir auch diese unvergesslichen Momente. Es fiel mir nicht leicht, mir das einzugestehen, aber eigentlich war ich dankbar für den Weg,den mir das Leben zugedacht hatte. Hatte es doch bis zum letzten Sommer immer so ausgesehen, als läge meine Bestimmung darin, gewöhnlicher als nur gewöhnlich zu sein. Ich war weder auffallend schön noch hässlich, weder besonders klug oder herausragend talentiert. Manchmal hatte ich geglaubt, im Wörterbuch meinen Namen als Definition für „gewöhnlich“ zu finden, sollte ich den Versuch wagen und das Wort nachschlagen.

 

Danke an die liebe Emily!